Singapur – Züge und Inder

Die britische Preisverwirrung

Screenshot from 2014-04-06 20:31:44Heute ist der letzte Tag in Singapur. Um 23:30 geht es mit dem Nachtzug weiter nach Kuala Lumpur. Diese alte Kolonialstrecke hat ein absurdes Verrechnungssystem. Das Ticket zwischen Kuala Lumpur und Singapur kostet immer denselben numerischen Betrag: 34. Allerdings bezahlt man den Betrag je nach Richtung, die man fährt, in Singapur-Dollar oder in malaiischen Ringgit. So kostet die Fahrt von KL nach Singapur knappe €7, während man für dieselbe Strecke in die umgekehrte Richtung €18 bezahlen darf. Wählt man erste Klasse statt zweiter oder sogar einen Liegewagen, dann fällt der Preisunterschied noch größer aus.

Scheinbar wurde in der Kolonialzeit der numerische Fixpreis zwischen den beiden britischen Kolonien vereinbart. Warum es heute noch so gehandhabt wird scheint nur Briten einsichtig zu sein, und das erst nach drei Gin-Tonic.

Doch es gibt einen Trick, sagt eine Internetseite. Man bucht einfach ein Ticket von JB Sentral – das ist der erste Bahnhof in Malaysia – nach Kuala Lumpur. Dafür bezahlt man den Preis in Ringgit. Ein zweites Ticket sorgt für die fünfminütige Fahrt von Singapur nach JB Sentral, welches man in Singapur-Dollar bezahlt.

Die Idee gefällt mir. So buche ich online mein Ticket von JB Sentral nach Kuala Lumpur. Als ich das zweite Ticket kaufen will, meldet das Computersystem, dass kein Platz mehr frei sei. Das kann nicht stimmen. Aber Computersysteme lassen so schlecht mit sich verhandeln. So bleibt mir nichts anderes übrig als zum Bahnhof zu fahren und dort ein Ticket zu kaufen. Leider haben die Singapurianer 2011 beschlossen, dass ein Bahnhof in der Innenstadt im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgenössisch sei. Daher wurde der Bahnhof aufgelassen und man darf am anderen Ende der Insel, direkt an der Grenze zwischen Malaysia und Singapur, bei einer kleinen Haltestelle in den Zug einsteigen. Genau das ist der Ort, wo ich hinfahren darf um zu prüfen ob es ein noch Ticket für den Zug gibt.

Drei MRT-Linien, einem langen Fußmarsch und 50 Minuten später komme ich am Schalter an. Der lächelnde Bahnbeamte sagt, dass es natürlich noch einen Platz im Zug gibt und drückt mir das Ticket dazu in die Hand. S$11 nimmt er dafür. Das sind umgerechnet €6,50. Da der Zug erst in einigen Stunden abfährt, geht es per MRT wieder zurück in die Stadt.

Während ich so fahre und rechne, merke ich, dass ich mir knappe €0,50 gespart habe, wenn ich die Kosten für die extra MRT-Tickets abziehe. Dabei will ich noch gar nicht daran denken, die dreieinhalb Extrastunden in Geld umzurechnen… Soviel zu den Tipps und Tricks die man oftmals bekommt.

Little India

dKk1atnTM5HyR2A4.jpgMein Reiseführer sagt mir, dass man in Singapur unbedingt „Little India“ sehen sollte. Also fahre ich dorthin. Die Luft ist von Curryduft durchdrungen. Überall stehen Männer in Gruppen herum. Frauen sieht man keine. Nur die immergleichen Männer, die alle ähnlich aussehen: dunkle Haut, schwarzer Oberlippenbart, Doppelkinn und einen Bauch, der unnatürlich hervorragt; dazu kommt noch jeweils ein gestreiftes Hemd und eine dunkle Hose. Alle sehen ähnlich aus, wie von einer Fabrik ausgespuckt.

Ich wandere vorbei und frage mich, was sie wohl hier machen, denn sie stehen einfach nur herum. Es scheint als würden sie auf etwas warten. Aber auf was?

Es gibt einen Tempel, der sehr sehenswert sei. Ich pilgere dorthin. Leider ist der Tempel gesperrt und wird umgebaut. Vielleicht weißeln sie ihn neu, oder stellen moderne Statuen hinein. Wer weiß; Inder sind immer für eine Überraschung gut. Jedenfalls wurde für die Zwischenzeit ein „Ersatz-Tempel“ in einer Wellblechhütte eingerichtet. In diese Baubaracke pilgern die barfüßigen Inder hinein, legen ihre Opfergaben ab und kommen durch eine Seitentür wieder heraus. Es hat den Anschein von Fast-Food-Spiritualität.

Aj0aYKApBxhimOEv.jpgIch wundere mich über das Konzept. Entweder glaubt eine Religion an heilige Orte, dann kann kein Ersatz für einen Tempel gemacht werden; oder sie glaubt, dass Spiritualität überall gefunden werden kann, dann muss kein Ersatz für den Tempel gemacht werden. Doch da fällt mir ein, wie westlich ich gerade denke.

Ein Professor für indische Philosophie hat mir einmal erklärt, dass es im Hinduismus darum gehe, das Götterbild zu „sehen“ und umgekehrt vom Bild „gesehen“ zu werden. Das würde irgendwie Sinn ergeben und erklären, warum eine Wellblechbude, mit den Schaubildern denselben Zweck erfüllt, wie ein altehrwürdiger Tempel.

Mit solchen Gedanken im Kopf geht mein Weg zu einem Bücher-Outlet um mich für die Zugfahrt mit geistiger Nahrung einzudecken.

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