Singapur — Weltenwechsel

60 Minuten. Niemand wird mir das glauben, denke ich mir. Ich schaue nochmals auf die Uhr um mich zu vergewissern. Tatsächlich, 60 Minuten. 60 Minuten, die verstrichen sind, zwischen dem Abschließen meiner Wohnungstüre und dem herausnehmen meines Buches am Gate. So schnell war ich noch nie am Flughafen. Ich steige ein. Der Flug Richtung Süden geht los.

Weltenwechsel

53X7Kyopo2XoElbl.jpgSingapur ist anders; suber, geordnet, teuer. Der Grenzbeamte sichtet und stempelt meinen Reisepass in Rekordzeit. Gleich dahinter wartet ein Touchscreen auf dem ich ein Smiley anklicken soll, das zeigt wie zufrieden ich mit der Passkontrolle war. Das nenne ich Kundenorientierung.
Mit der Schnellbahn geht es in die Stadt. Alles ist in perfektem Englisch ausgeschildert. In der Schnellbahn weisen Anzeigen darauf hin, wo man ist, wo der nächste Halt ist, wo man Aussteigen muss. Der Bahnsteig wird durch Glasscheiben von den Geleisen abgetrennt. Nur wenn ein Zug eingefahren ist, öffnen sich Sicherheitstüren in den Glasscheiben.
An der Haltestelle zeigt eine durchdachte Karte alle Ausgänge und ein Buchstabenleitsystem führt zum gewünschten, sauberen, freundlichen Ausgang.
Wenn ich daran denke, dass ich gestern die Ratten in dem Mülleimer vor meiner Wohnung gezählt habe und von einem zahnlosen alten Motorradtaxifahrer im Slalom durch die gestauten, stinkenden Autos gefahren wurde, komme ich mir hier wie in einer anderen Welt vor.

Financial District

pM1AjWL4iiOlldAQ.jpgNachdem ich meine Tasche in meinem Kapsel-Hotel verstaut habe, mache ich das, was ich immer in einer neuen Stadt mache – flanieren.
Ein paar gut beschilderte Straßen führen mich in eine neue Welt. Saubere Bistros, Salatbars und Kaffeehäuser säumen den Weg. Die Häuser um mich herum legen von Schritt zu Schritt an mindestens zehn Stockwerken zu. Ehe ich mich versehe stehe ich mitten im Finanzdistrikt.
Ich bin weit gereist, aber diese Wolkenkratzer versetzen mich in ein Gefühl, wie es ein Nomade aus der Kalahari-Wüste haben muss, wenn er sieht wie wir Österreicher mit Trinkwasser duschen. Die Pracht der Gebäude, der saubere Glanz, die ausgefeilte Architektur, einfach alles lässt Manhattan wie ein kleines, schmuddeliges Dorf wirken.

Luxus

9r36ab0dcyMvVllx.jpgIch schlendere weiter die Straßen entlang, bis ich zum Yachthafen — Marina Bay — komme. Restaurants schmücken die Promenade. Doch ein Blick auf die Preise in der Speisekarte genügt um mich erstarren zu lassen und mich mit dem Stempel „Armer Student“ zu versehen. Doch ich genieße die Aussicht und das Flair.
Auf der anderen Seite der Bucht erhebt sich „Marina Bay Sands“, eine Konstruktion der Extraklasse. Drei Hochhäuser, die mit einer Konstruktion in Form eines Schiffes abgeschlossen und verbunden werden. Das Krönungsstück dieser Plattform ist der Infinity-Pool — ein Schwimmbecken, das scheinbar mit dem Himmel verschmilzt — den man nur als Hotelgast betreten darf.
Hungrig mache ich mich auf die Suche nach einem Restaurant, das ich mir leisten kann. Ich werde fündig, ein nettes erschwingliches Restaurant am Fluss. Hier kostet mich das kleine Bier nur €6,50.
Nach dem Mahl mache ich mich auf zum höchsten Gebäude der Stadt und zur — wie sie behaupten — höchsten, komplett offenen Skybar der Welt.
Die Dame am beschilderten, geordneten Eingang Knöpft mir S$30 für den Eintritt ab, dafür bekomme ich einen Singapore-Sling, im Plastikbecher. Aber die Aussicht ist es wert. Hier stehe ich, beobachte die Stadt, beobachte die Geschäftsleute die herbeikommen um hier um 8:00 ihr Feierabendbier zu trinken, beobachte das Dienstpersonal, das mich Beobachtet, weil ich seit über einer Stunde an meinem Cocktail schlürfe und kein weiteres Getränk bei ihnen bestellen will.
Gemeinsam mit einem Trupp Japaner, die auf Englisch irgendwelche Preise diskutieren, fahre ich später im Aufzug wieder hinab auf die Straße und flaniere in der tropisch-warmen Dunkelheit, zwischen Jogger und Spaziergänger, den Fluss entlang zu meiner Kapsel im Hotel.

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