Korea Tag 2 – Nami, Outlet und Samsung

6:00. Das Telefon läutet. Verschlafen drehe ich mich zur Seite und nehme den Hörer ab. Niemand meldet sich. Da fällt mir ein, dass es unser Weckruf ist. Die thailändische Reiseleitung hat an alles gedacht. Fast an alles. Sechs Uhr ist eindeutig zu früh, wenn das Frühstück um sieben startet und der Bus um acht Uhr abfahren soll, zumindest zu früh für mich. Wahrscheinlich ist die Zeit an die Makeup-Auftragedauer der Thaidamen angepasst. Ich stelle meinen Wecker auf 6:45, drehe mich um und schlafe weiter.

Punkt acht Uhr sitzen wir vollständig versammelt im Reisebus; bis auf Rainer, unserem deutschen Kollegen, der sonst immer pünktlich auf die Minute erscheint. Diesmal ist er acht Minuten zu spät. Die acht Minuten werden uns den ganzen Tag lang nachhängen, zumindest in unseren Scherzen.

Nami Island

BrückeDer erste Stopp für heute ist Nami Island: eine Insel die im Frühjahr oder Sommer sicher eine nette Gelegenheit für Spaziergänge bietet.

Frierend warten wir am Festland auf das Boot, das uns zur Insel bringen sollte. Als wir ankommen, teilt uns die Reiseleitung mit, dass wir gute eineinhalb Stunden zur Verfügung haben um die Insel auf eigene Faust zu erkunden. Kaum hat die Reiseleitung den Startschuss gegeben, ziehen die Thaistudenten ihre Kameras und Smartphones heraus und beginnen lächelnde Gruppenfotos zu machen. Scheinbar hat jeder das perfekte Lächeln einstudiert. So kommt es, dass die Fotos immer ähnlich aussehen. Die lächelnden Fotoobjekte bleiben immer dasselbe, nur der Hintergrund ändert sich.

EXKURS: Was ist der am meisten fotografierte Ort der Welt? Nein, nicht der Eiffelturm oder der Vatikan. Sondern: Siam Paragon, ein Einkaufszentrum in Bangkok. Seitdem es Smartphones mit Kameras und die Idee des „Selfie“ gibt, wurden hier mehr Fotos von lächelnden Thai geknips als vor allen anderen, richtigen Sehenswürdigkeiten.

Clash of TemperaturesSteve, Boom und Ich sondern uns von der Fotogruppe ab. Wir möchten ein bisschen mehr von der Insel sehen als die 50m Umkreis vom Ort, wo unsere Reiseleiterin uns wieder treffen wird, denn die meisten Foto-Thai begeben sich nicht weiter davon weg. Warum auch, für sie ist mehr der lächelnde Foto-Vordergrund wichtig, als die unbedeutenden Dinge im Hintergrund.

Wir umrunden die halbe Insel. Es geht über einen gefrorenen Schlammpfad zum Strand hinab. Eine wackelige Holzbrücke führt uns ein Stück über das Wasser. Kleine Trampelpfade leiten uns durch die winterliche Umgebung. Im Frühling, Sommer oder sogar Herbst, scheint Nami einen netten Ort für Familienausflüge zu bieten. Im Winter wirkt Nami trostlos.

Auf Nami werden zur Zeit Kinderbücher aus aller Welt ausgestellt. Wir finden eine Tafel mit einem Kinderbuch aus Österreich und eine andere Schautafel mit einem Kinderbuch aus den USA. Als wir die Tafel aus Thailand finden, läuft Boom lachend hin und sagt zu Steve und mir, wir sollen raten über was das thailändische Kinderbuch schreibt. Steve sagt sofort: „Über den König“. Booms lächeln schwindet ein bisschen. Sie sagt: „Nein, über die Affen!“ Darauf Steve: „Ich wette darin geht es um den Affenkönig. Der Affenkönig kontrolliert alles und niemand darf etwas Schlechtes über ihn sagen.“ Die Aussage lässt Booms lächeln komplett ersticken, während ich versuchen muss mein Lachen zu ersticken. Steve hat mit seinem trockenen, amerikanischen Humor einen Tabu-Nerv der Thaikultur erwischt.

Wir pilgern wieder zurück zu den Anderen und fahren mit dem Boot an das Festland zu unserem Reisebus zurück.

Outlet

Am Nachmittag steht ein Besuch in einem Outlet auf dem Plan. Die Erinnerungen an italienische Busreisen werden wieder wacht. Das Outlet ist wie jedes Outlet; unzählige kleine Geschäfte mit Markenwaren, die um 70 % verbilligt sind und immer noch ein Vermögen kosten. Zusätzlich gibt es ein Starbucks-Cafe am Areal, das jedoch nicht beheizt ist und kein W-Lan zur Verfügung stellt. Man soll ja schließlich nicht im Cafe sondern in den Geschäften seine Zeit verbringen und dort sein Geld hinterlassen. Steve, Boom und ich trinken einen Kaffee und kaufen nichts. Die anderen Mitglieder unserer Gruppe dagegen kommen mit unzähligen Einkaufstaschen zurück zum Bus und teilen lächelnd miteinander die Freude über die erworbene Beute. Ich verstehe den Konsumerismus nicht, dafür verstehen sie mich und meinen Minimalismus auch nicht.

Samsung-Store

AppleEin letzter Stopp für den Tag bietet Samsung D-Light. Der Name klingt vielversprechend. Doch es stellt sich heraus, dass es sich um ein Samsung-Werbemuseum gekoppelt mit einem Samsung-Store handelt. Ähnlich dem Apple-Store in der 5th-Avenue in New York.

Während wir durch die Ausstellungsräume wandeln, die mit Flatscreens und diversen Bewegungs- und Berührungssensoren ausgestattet sind, muss ich an die Nordkoreaner denken, die nur ein paar Kilometer nördlich leben und noch nie in ihrem Leben ein Mobiltelefon gesehen haben.

Neugierig betrete ich eine kleine Kammer. Währenddessen ich mich umblicke, schließt sich die Türe hinter mir und der komplette Raum wird von einer Videovorführung erhellt. Die Decke, der Boden, die Wände – alles besteht aus Flachbildschirmen, die einen Film zeigen. Der Propagandafilm hat keinen Inhalt. Er zeigt nur wie super und genial Samsung ist. Ich frage mich ob es nicht fast schon obszön von mir ist, dass ich nicht in Tränen ausbreche und mich über die große Ehre freue, hier in den heiligen Hallen dieser Firma zu sein? Ich komme zu dem Schluss, dass es nicht obszön, sondern vernünftig ist.

Steve und Boom haben mich inzwischen gesucht, da mich der Raum unmerklich geschluckt hat. Gemeinsam sehen wir uns den nächsten Raum an, ein Samsung-Wohnzimmer. Samsung Fernseher, Samsung Surround-System, Samsung Tabletts und Samsung Smartphones, alles ist sauber angeordnet. Ich nehme ein Samsung Smartphone von seinem Platz, lege auf dem Boden und platziere mein iPhone auf den Platz den das Samsung Smartphone einnehmen sollte. Schnell machen wir ein paar Bilder, während sich die Angst breit macht, jederzeit von einer Samsung-Polizei aufgegriffen und in ein ideologisches Umerziehungslager gesteckt zu werden. Doch die Ideologie-Polizei verschont uns und wir gesellen uns wieder zu den anderen Gruppenmitgliedern am Ausgang dazu.

Spezial-ToiletteAbgesehen von der überemotionalen Vermarktung ist es beeindruckend, welche Technologien im letzten Jahrzehnt entwickelt wurden. Besonders der beheizte Toilettensitz beeindruckt mich, da ich so etwas noch nie gesehen habe. Und die vielen Knöpfe an seiner Seite mit koreanischer Beschriftung flößen mir Ehrfurcht ein. Ich würde nie wagen einen davon zu betätigen. Vielleicht ist es ja der automatische Tampon-Entferner-Knopf…

Während ich noch darüber nachdenke, was wohl in zehn Jahren die Technik – hierbei insbesondere die Toiletten-Technologie – bieten wird, diskutieren und vergleichen die anderen Studenten ihre Beute, die sie im Samsung-Store erworben haben.

Eine Antwort auf „Korea Tag 2 – Nami, Outlet und Samsung“

  1. Das kommt davon,dass du dich immer nur mit Büchern beschäftigt hast und nicht mit Werbeprospekten – denn diese exquiten WC’s gibst auch bein uns.
    Mum

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