Der letzte Tag in Habana

Ab dem 3. Tag hat man die Stadt durchschaut; nicht in dem Sinne, dass man alles kennen würde, das tut man nach Jahrzehnten noch nicht, aber in dem Sinne, dass man die wichtigsten Spielregeln kennt, Gauner von ehrlichen Menschen unterscheiden kann und im Rhythmus der Einheimischen mitschwingt.

Pizza essen

Heute ist mein letzter Tag in Habana. Ich beschließe in einer kleinen Seitengasse zu Abend zu Essen. In einem alten Haus, von dem der Putz abbröckelt, ist eine kleine Pizzeria eingerichtet. Vier runde Tischen stehen in dem kleinen Raum, der gerade einmal so groß ist, dass neben der kleinen Tischen noch eine Bar Platz gefunden hat. Die Tische sind mit bodenlangen roten Tischdecken verhüllt. Die Kubaner haben einen anderen Geschmack als ich. Aber ihr Geschmack betreffend die Einrichtung harmoniert mit ihrem Geschmack der die Kochkünste betrifft.

Als mir die kubanische Kellnerin die Pizza bringt, erkenne ich sie zuerst nicht als Pizza. Mir sind schon einige Pizzavarianten untergekommen: eine Pizza mit allem, was man im Haus findet, eine Pizza, die nur mit Schinken, oder Salami belegt ist sowie eine eher minimalistische Pizza, die nur mit Käse und Tomatenmark genossen wird. Aber diese Pizza hier schlägt alles. Hier wird sogar noch am Tomatenmark gespart, sodass man nur eine spärliche Käseschicht auf dem teigigen Klumpen vorfindet. Ich würge die Pizza mir viel kubanischem Refresco herunter. Refresco ist Cola, ohne Cola zu heißen. Denn alles was amerikanisch anmutet, mag man hier nicht.

Nach dem spartanischen Mahl, begleiche ich die Zeche und will der netten Kellnerin noch ein paar Münzen als Trinkgeld da lassen. Während ich mich elegant von meinem Stuhl erhebe und entferne, passiert das Missgeschick. Das Tischtuch entfernt sich mit mir und dadurch entfernt es auch die Gläser, Teller, Blumen und Münzen vom Tisch.

Eilig macht sich die Kellnerin daran, alles wieder sauber zu machen. Hastig versichert sie mir auf meine Entschuldigungen, dass das doch nichts mache. Aber ihr Gesichtsausdruck sagt was anderes. Ich fühle mich schlecht, nicht weil ich etwas kaputt gemacht habe, sondern weil ich das Gefühl habe, dass dieses Scherben für die arme Kubanerin sehr viel Geld bedeuten konnten.

Warten vor der Bar

In Cuba wechselt man Geld nicht einfach so. Mühsam muss man sich bei einer Bank anstellen, um dann nach eindringlicher Kontrolle des Ausweises nur die halben Geldscheine gewechselt zu bekommen, da an den anderen mikroskopische Haarnadelrisse vorhanden sind, die den Geldwechsler abschrecken.

So kommt es, dass ich mit meinen Bargeld-Reserven haushalten muss, da ich am nächsten Tag abreisen werde, zum Flughafen kommen muss, etwaige Steuern bezahlen darf und zu guter letzt darf kubanisches Geld nicht ausgeführt werden und wird einem dann beim Bording abgenommen. Darum sitze ich nicht in der Bar bei einem Mojito, sondern vor der Bar auf einer Sofaecke, die in der marmornen Lobby des Hotels steht. Dort schreibe ich und beobachte die Leute.

Eine junge Kubanerin gesellt sich zu mir. Sie möchte gerne in die Bar, aber ihr fehlen die 5CUC für den Eintritt. So hofft sie, dass irgendein Bekannter vorbeikommen und sie einladen wird. Währenddessen reden wir miteinander. Besser gesagt, sie stört mich beim Schreiben, indem sie immer wieder Fragen stellt. Blöderweise kann sie nur wenig Englisch und ich kann kein Spanisch. Trotzdem können wir mittels Italienisch/Lateinisch/Englisch und Zeichensprache miteinander kommunizieren. Interessant, was alles geht, wenn man die Zeit und Muse dazu hat. Nach einer halben Stunde kommt dann doch ein Freund von ihr, der sie einlädt.

Ein paar Minuten später sehe ich, wie zwei glatzköpfige Kubaner, die in perfekt sitzenden Smokings stecken, einen betrunkenen Gast durch die holzgerahmte Glastüre unsanft in das Freie befördern, während ein Putztrupp anrückt.

Noch ein paar Minuten später kommen zwei extrem aufdringliche Prostituierte angewackelt, die wie magisch von mir, als einem alleine sitzenden jungen Mann, angezogen werden. Die eine wäre vor 20 Jahren sicher ein Hingucker gewesen. Die andere wird es in 10 Jahren vielleicht einmal werden. Von den beiden Damen könnte manch ein Vertreter was lernen. Sie sind so aufdringlich, dass ich tatsächlich die Flucht auf mein Zimmer ergreifen muss, damit ich endlich meine Notizen fertig schreiben kann. So kommt es, dass ich meinen letzten Abend in Habana, alleine auf meinem Zimmer, ohne Musik, ohne Cocktail und ohne Gesellschaft dafür mit meinen viel geliebten Büchern ausklingen lasse.

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