Mit Jose in Habana

José

Ich warte in der Lobby von meinem Hotel auf José. Punkt 16:00 erscheint er, wie vereinbart. José ist 23 Jahre alt, spricht fließend Deutsch und studiert Tourismus. Der agile junge Kubaner will mir heute das nicht-touristische Habana zeigen. Und die erste Lektion ist, dass er nicht raucht und keinen Salsa tanzen kann – wie übrigens die meisten Kubaner.

Taxifahren auf kubanisch

Mit einem alten Klappertaxi wollen wir aus dem touristischen Stadtzentrum wegfahren. Das alte Auto aus den Sechzigern hat schon bessere Tage gesehen. Mit blauer Farbe wurde es von Hand gestrichen, innen hängt die braune Lederdecke durch und die Fenster lassen sich auch nicht mehr schließen. Dafür ist die Sitzplatzkapazität von diesem Oldtimer-PKW enorm. Am Beifahrerplatz finden zwei Personen ihre Sitzgelegenheit. Und auf die Rückbank passen ebenfalls vier Leute. Leider will das Taxi nicht anspringen. Der Fahrer flucht, steigt aus und öffnet die Motorhaube. In dem Moment steckt schon ein findiger Kubaner seinen Kopf durch das offene Beifahrerfenster hinein und weist und darauf hin, dass sein Auto fahrtüchtig wäre und auch noch platzt für uns habe. Ehe es der fluchende Fahrer, der im Motorraum seines blauen Wagens verschwunden war, richtig bemerkte, waren seine fünf Fahrgäste, inklusive uns beiden, schon im anderen Taxi quer durch die Stadt unterwegs.

Die Sprachschule

Als erstes bringt mich José zu seiner Sprachschule. Wir steigen das alte Stiegenhaus hinauf. Ein schmaler Gang, dessen abgeblätterte Farbe nur noch zu erahnen ist, führt uns an kleinen Klassenzimmern vorbei. Über eine Bretterbrücke müssen wir in das Nachbargebäude klettern. Dort findet in einem kleinen Unterrichtsraum, der Deutschunterricht statt. Eine Kubanerin versucht vier jungen Burschen die deutsche Sprache näher zu bringen. Es ist lustig als Muttersprachler am anderen Ende der Welt in so einer Klasse zu sitzen und der kubanischen Variante von Deutsch zu lauschen.

Die US-Botschaft

José zeigt mir den berühmten Malecon, einen grauen Steifen Beton, eingeklemmt zwischen einer vierspurigen Straße und dem peitschenden Meer. Während wir diese berühmten Meerpromenade entlang spazieren, kommen wir an der US-amerikanischen Botschaft vorbei. Das Gebäude selber ist unscheinbar. Das besondere findet sich aber auf dem Platz davor. An diesem Platz findet jedes Jahr die Rede des kubanischen Präsidenten an sein Volk statt. Da sich genau hinter der Redetribüne die amerikanische Botschaft in das Blickfeld drängt, haben sich die US-Amerikaner gedacht, man könnte doch die Botschaft exzessiv mit der amerikanischen Fahne schmücken, damit jeder Kubaner, der die Übertragung der Rede im TV sieht auch die Flagge mit den Sternen und den Streifen bewundern darf. Das schmeckt den Kubanern nicht besonders. Findig wie sie sind, haben sie deswegen einen regelrechten Fahnenmasten-Wald zwischen der Botschaft und der Redetribüne aufgestellt. An diesen unzähligen Masten wird einfach das kubanischen Banner gehisst, wenn der Präsident redet. Und gleichzeitig dürfen die Botschafter jeden Tag ihre Aussicht von unzähligen Fahnen und Masten verstellt wissen. Ironie des Schicksals.

Cuba originale

Als wir zu einem Mojito in eine Bar einkehren beginnt Jose über Cuba zu erzählen. Das gedämpfte Licht, die dunklen Holzdielen und der Cocktail lassen ihn Dinge erzählen, die man auf offener Straße nicht sagen würde. José berichtet über die zwei Gesichter von Cuba. Das schöne, angenehme zeigt das kostenfreie Wohnen, die kostenfreie Bildung, die freie medizinische Versorgung und das Leben ohne Stress. Das düstere ist der permanente Mangel an guter Nahrung, an Kleidung, an Reisefreiheit und an Luxus. Unter Raul sei vieles besser geworden. Man kann jetzt Handy kaufen. Kleine Unternehmen dürfen gegründet werden. Und man kann sogar in ein anderes Land reisen, wenn man eine Einladung bekommt.

In seinen Augen sind auch die beiden Währungen ein Problem. Es gibt cubanische Pesos und konvertible Pesos. 1CUC  konvertibler Peso = 1US-$ = 25CUP kubanische Pesos. Die Theorie besagt, dass ein Tourist nur mit konvertiblen Pesos und ein Kubaner nur mit kubanischen Pesos in Kontakt kommt. Das Leben in CUC-Cuba ist einfach, das Leben in Peso-Cuba ist sehr kompliziert. Vieles bekommt man nur schwierig und nach langem Warten, vieles gar nicht. Ein guter Monatslohn ist 300CUP, umgerechnet 12CUC. Ein Kellner bekommt an einem guten Tag mehr an Trinkgeld, als er in einem Monat als Lohn bekommt. Darum läuft die Jagd auf CUC. Für einen Touristen sind 1$ nicht sehr viel Geld, für einen Kubaner sind das zwei Tageslöhne. Daher läuft sehr viel »unter Hand«, wie es José ausdrückt. José hat Glück. In der Tourismusbranche hat er einen guten Job mit viel Trinkgeld. Außerdem kommt seine Freundin aus der Schweiz und die beiden planen zu heiraten. In ein paar Monaten reist er in die Schweiz.

Rassismus und Religion seien auf Cuba kein Problem, denn die Leute haben viel zu viele gemeinsame Probleme, die sie vereinen. Eines davon ist die Sehnsucht auszuwandern. Es gibt ein Gesetzt, das jeden Kubaner zu einem US-Staatsbürger macht, sobald er den Boden der USA berührt. Daher versuchen zig Glückssuchende auf selbst gebastelten Booten nach Florida zu kommen und versinken dabei.

Ein altes Auto wartet wieder auf uns. Alle Fenster sind geöffnet, die Musik dröhnt auf maximaler Lautstärke. Auf der Rückbank haben zwei Matronas Platz gefunden. So tuckeln wir in einem alten Taxi wieder in das touristische Kuba zurück.

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