Ein Streifzug durch Habana

Straßenleben

AutoIch verlasse den alten Kolonialbau durch die Seitentüren. Obwohl es noch Vormittag ist sticht die karibische Sonne schon vom Himmel. Trotzdem wimmelt es auf der Straße nur so vor Menschenmassen. Mulatten in ihren typisch bunten T-Shirts und Flip-Flops aus billigem Plastik. Daneben die dickbäuchigen Touristen mit ihren rosa Kugelköpfen, auf denen Strohhüte türmen. Bestückt sind sie meist mit unerschwinglichen Kameras die vor ihren Bäuchen baumeln.
Die Einheimischen sind arm, sehr arm. Und die Touristen sind verglichen mit ihnen unermesslich reich. So kommt es, dass überall versucht wird den Touristen ein bisschen Geld aus der Tasche zu ziehen. Trotzdem sind die Kubaner aber freundlich und offen und ihre Kreativität bringt einem richtig zum Schmunzeln.

Der Boogie-Sänger

Einer von den kreativen Kubanern war ein Boogie-Sänger. Mit seiner alten, abgegriffenen Gitarre lauert er am Hauptplatz auf Touristen. Als er mich mit meinem Panama-Hut und meinem weißen Hemd beim Stöbern in einem Buchladen erblickt, kommt er sofort herbeigeeilt. Freundlich stellt er sich als »Boogie-Man« vor und fragt mich nach meinem Namen. In einfachem Englisch antworte ich ihm: »My name is David!«. Darauf nimmt er seine Gitarre, beginnt zu spielen und lauthals zu Singen. Er singt ein Ständchen auf den Namen »Isdevid«! Die Augen aller am Platz sind auf ihn und auf mich gerichtet. Und sein Ständchen beginnt eine unangenehme Länge anzunehmen. Als ich schlussendlich weitergehe, begleitet mich der singende Barde. Und nach ein paar Minuten ist der Schrecken vorbei. Ich will ihm kein Geld geben, aber ich lobe ihn für seine Musikkünste. Ein weiterer Fehler. Das Lob freut ihn so, dass er wiederum zu einem nächsten Lied ansetzt.

Das Museum

GiraldillaUm ein bisschen Ruhe zu finden, biege ich in das Museum der Nautik ein. Hier darf man ein paar Pesos Eintritt bezahlen, so kommt es, dass ich der einzige Besucher bin. Aber meine Ruhe finde ich hier auch nicht. Prompt nach dem Bezahlen des Eintrittes wird mir eine eigene Aufseherin zugeteilt, die sichtlich erfreut über den einzigen Gast ist. Die Dame mit dem strengen Haarknoten und dem blau-schwarzen Kostüm führt mich von Raum zu Raum über Vitrine zu Vitrine. Dabei erklärt sie mir von jedem Schaustück die Geschichte, und das auf Spanisch. Dabei lässt sie erst locker, wenn ich ein zustimmendes Nicken, ein »Ah« oder ein »Mhm« von mir gehe, denn sie will sicher sein, dass ich auch jede Münze und Kanonenkugel verstehe. Da ich kein spanisch beherrsche, bleibt die Informationsfülle eher mäßig.
Aber ich kann im Museum das berühmte kubanische Wahrzeichen besichtigen – die Giraldilla. Diese zierliche Damenfigur kommt mir bekannt vor. Man kann sie auf der ganzen Welt betrachten, als Plastikstäbchen in seinem Cocktail.

Die Straßen

Old ManAls ich die angenehme Kühle des Museums verlasse, tritt sofort eine aufgetakelte Matrone auf mich zu. Verziert mit einem karibischem Kopftuch, den traditionellen Farben und einer unsäglichen Leibesfülle, will sie von mir gegen eine kleine Geldspende fotografiert werden. Wie eine Krake schlingt sie sich mit ihren leibigen Fingern um meinen Arm und lässt mich erst nach einem Kuss auf die Wange wieder weiterziehen.
Aber die Ruhe währt nicht lange. Zwei alte Männer kommen auf mich zu und wollen auch gegen eine Spende fotografiert werden. Einen von ihnen, den zahnlosen lächelnden alten Mann, lichte ich tatsächlich ab. Dem anderen, der unsagbar aufdringlich ist, gebe ich eine Euro-Münze. Er sieht sie verwundert an, bedankt sich und steckt sie ein. (Wie durch ein Wunder findet die Münze am nächsten Tag ihren Weg zurück zu mir und will gewechselt werden).

Telefonieren

Der nächste Schlepper naht sich mir. Ein Mann im mittleren Alter, der mir Zigarren verkaufen will. Doch David hat inzwischen gelernt. Statt ihm Zigarren abzukaufen, bringe ich ihn dazu mir zu helfen. Will man nämlich von Kuba aus telefonieren, muss man sich eine spezielle internationale Telefonkarte kaufen. Die gibt es nur im nationalen Postamt. Welches wiederum richtig kommunistisch organisiert ist. Ein grantiger Schalterbeamter öffnet für Millisekunden die Türe um einen Auserwählten aus der endlosen Schlange einzulassen, manchmal zumindest. Oft öffnet er die Türe gar nicht.
Darum versuche ich den Schlepper dazu zu bringen, mir so eine Karte zu kaufen. Er stellt sich geschickt an. Gewandt drängelt sich durch die wartende Masse vor. An der Türe angekommen, klopft er und sieht sehr mitleidswürdig aus. Als ein Auserwählter eintreten darf, gibt er diesen die 5CUC von mir und bittet ihn so eine Karte zu kaufen. Die Masse murrt. Aber nach ein paar Minuten habe ich eine Karte in der Hand. Nur nützt mir diese Karte nichts. Mein lieber kubanischer Schlepperfreund hat mir einen Aufladebon für ein kubanisches Wertkartenhandy besorgt.
Ich gebe den Versuch auf, an eine Telefonkarte zu bekommen. Stattdessen versuche ich nun mein Glück im Hotel. Dort soll es auch ein Telefon geben. Die Dame an der Rezeption reicht mir einen blankpolierten Telefonapparat, er könnte aus einem Museum stammen. So stehe ich in an der marmornen Theke unter dem alten Ventilator und versuche nach Europa zu telefonieren. Doch es funktioniert nicht. Die Dame meint, es könnte vielleicht Morgen klappen. Ich gebe das Telefonieren komplett auf.

Essen auf der Straße

Nach meiner Salsastunde kehre ich zum Abendessen in ein Restaurant in einer kleinen Seitenstraße ein. Dieses Restaurant wird von der einzigen kubanischen Touristenfirma – Habaguanex – gemanagt. Will man hier eine Anstellung finden, so muss man Tourismus studiert haben. Das beinhaltet neben einem intensiven Studium der europäischen Kultur auch die Bedingung vier Fremdsprachen fließend zu sprechen. Da können wir uns verstecken. Und erst die US-Amerikaner…
Zwei der Kellner gesellen sich zu mir an den Tisch. Der jüngere von beiden, José, spricht fließend Deutsch. Wir schließen den Deal, dass er mir morgen Kuba zeigt und ich dafür mit ihm Deutsch übe. Er ist einverstanden. Und ich freue mich, endlich in das wirkliche Habana eingeweiht zu werden. Jose muss sich wieder an die Arbeit machen. Ich genieße mein Essen und beobachtet vier kleine Jungen, die auf der Gasse unermüdlich Baseball spielen; mit einem einfachen Brettchen und den Deckeln von vier Plastikflaschen… Kuba ist anders.

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